Führungen durch Bruckhausen

Historische Stahlstadt im Abriss: Führungen durch den Duisburger Stadtteil
Bruckhausen

Bruckhausen - Illustration Wilfried Porwol
                    1975
Bruckhausen, Illustration von Wilfried Porwol, 1975 zu "Verdammt und zugedreht", Kinderbuch von Michael Höhn


Bruckhausen als Ensemble zeigt als letzter Stadtteil im Ruhrgebiet das enge
Nebeneinander von Industrie und Wohnbebauung, wie es für die Region typisch war. Bruckhausen ist eine Geschichtslandschaft von hohem Denkmalwert. Noch 2007 sah sich das Rheinische Amt für Denkmalpflege durch „Die Dichte der historischen Bebauung und deren anschauliche Zuordnung zu den gegenüberliegenden Werksanlagen„ veranlasst, die Ausweisung eines großen Teil des Stadtteils Bruckhausen als Denkmalbereich anzuregen. Dennoch betreibt die Stadt Duisburg den Abriss des Stadtteils, ca. 150 Häuser sollen fallen.

Die Geschichtswerkstatt setzt sich für den Erhalt des Stadtteils ein. Die Führungen
informieren über die bewegte Geschichte des Stadtteils und seine Bedeutung für das Ruhrgebiet. Zu den Führungen werden regelmäßig prominente Gäste eingeladen, die ihre Sicht auf den Stadtteil darstellen.

Termine nach Absprache. Anmeldung erforderlich unter: 0170- 986 90 70 o. info@geschichtswerkstatt-du-nord.de. Die Teilnahme ist kostenlos.

Kurze Beschreibung des Stadtteils

Bruckhausen ist einzigartiges Zeugnis der Ruhrgebietsgeschichte sowie derStadtgeschichte im Duisburger Norden. Im Gegensatz zu den inzwischen häufig unter Denkmalschutz stehenden Arbeitersiedlungen ist hier auch heute noch anhand der existierenden Bebauung die Entstehung einer bürgerlichen Stadt ablesbar, die alsReaktion auf das Wachsen der Industrie von Bürgern geschaffen wurde. Nicht ohne Grund nannte man Bruckhausen in seiner Entstehungsphase „Unser klein Amerika“ - nicht nurdie Situation des Anfangs, des Entstehens einer Stadt „auf der grünen Wiese“ steckt indiesen Worten, sondern auch die Möglichkeit die hier den Bürgern geboten wurde, zuinvestieren, aufzubauen, ihre bürgerliche Freiheit, über die sie noch nicht lang verfügten,zu nutzen. Gerade die Straßen, die in Richtung auf das Werk gebaut sind und derenAbriss fast vollständig durch den Bebauungsplan vorgesehen ist, bilden den ältesten Teildes Stadtteils, der mit seiner meist dreistöckigen Blockrandbebauung dicht gedrängt den damals schon knappen Boden nutzte: Zu Beginn des ersten Weltkriegs war die Bautätigkeit privater Investoren in Bruckhausen im Wesentlichen abgeschlossen, einUmstand, der auch dadurch bedingt gewesen sein dürfte, dass viele Flächen (vor allem im bis dahin nur teilweise bebauten Südteil von Bruckhausen) im Besitz der GDK waren“(aus: Bruckhausen. Geschichte eines Stadtteils im Duisburger Norden, Claudia Euskirchen (Hrsg.), Duisburg 2012) und dort Wohnungen vor allem bürgerlichen Zuschnitts und Gewerbeflächen schuf.

1896 gab es in Bruckhausen (ausweislich der Adressbücher) 5 Gast- und Schankwirte (neben u.a. 6 Bäckern und 9 Kolonialwarenhändlern, 3 Gemüsehändlern, 4 Metzgern, 5 Schuhmachern, 4 Schneidern, 1 Kurzwarenhändler und 2 Frisören). 1903 waren es

bereits 23 Gast- und Schankwirte (neben 19 Bäckern und 30 Kolonialwarenhändlern, 14Gemüsehändlern, 20 Metzgern, 8 Schneidern, 19 Schuhmachern, 7 Kurzwarenhändlernund 14 Frisören)“ (Bruckhausen, 2012)

Eine solche Vielzahl von Gewerben war auf so engem Raum nur durch einen dichte Bebauung der Innenhöfe möglich, die damit eines der besonderen, überlieferten

Zeugnisse darstellen, auch ihre Nutzung durch Gewerbe ist heute noch deutlich ablesbar.

Wenn der angebliche Mangel an Grünflächen in offiziellen Darstellungen der Stadt/ EG-Du
beklagt wird, wird häufig davon gesprochen, gerade die verdichtete Bebauung stelle ein Problem für Bruckhausen dar. Die Realität sieht aber anders aus: Ein Blick mit Google-Maps auf Bruckhausen zeigt, dass die Innenhöfe auch heute schon zum großen Teil mitPflanzen bewachsen sind. Sie bieten zudem Schutz vor Lärm und könnten kleine Oasen ineinem restaurierten Stadtteil sein, die nach wie vor die städtische Bebauung als historisches Zeugnis überliefern.

Die vorderen Straßenreihen sind damit ein besonderes Dokument der (bürgerlichen) Ruhrgebietsgeschichte und keineswegs nur durch ihre Bezogenheit auf das längst

veränderte Thyssen-Werk wertvoll.

Ergänzt wird die bürgerliche Blockrandbebauung im östlichen Teil Bruckhausens durch die an der Schulstraße anschließende Infrastruktur des Stadtteils deren spätere Entstehungnoch heute an der Lage im Stadtteil ablesbar ist. Der Stadtteil gewinnt hier mit den sorgfältig geplanten und ausgeführten Gebäuden in relativ kleinen Einheiten fast dörflichen Charakter, nebeneinander finden sich, hier freistehend, die katholische und die evangelische Schule, die beiden Kirchen, darunter mit der evangelischen die letzte erhaltene gründerzeitliche Notkirche des Ruhrgebiets, sowie die Feuerwehr. Die katholische Liebfrauenkirche stammt aus den Jahren 1912-1915 und ist ein Werk des Kölner Architekten Aloys Böll.

Als weiteres Ensemble treten mehrere Siedlungsabschnitte der GDK (Gewerkschaft Deutscher Kaiser) hinzu: Eine Beamtensiedlung im dem Werk zugewandten Teil der Kronstraße, von der noch der heutige Kindergarten erhalten ist, auf der südlichen Seite des Heinrichplatzes entsteht ab 1907 Werkswohnungsbau der GDK. 1913/14 unterbricht die Ottokarstraße mit ihrem geschwungenen Verlauf das bisher streng rechtwinklige (sehr typische) Straßenraster von Bruckhausen. Schließlich werden die „Beamtenvillen“ an der Kronstraße in den Jahren 1922/23 gebaut. Man kann Bruckhausen grob in drei Bereiche teilen: Bürgerliche Blockbebauung, Infrastruktur, Werkswohnungsbau.

Obwohl sehr unterschiedliche Bedingungen und Vorgaben die drei Bereiche geprägthaben, fügen sie sich doch zu einem sehr harmonischen, einzigartigen Ensemble zusammen, das zu sehr großen Teilen bis heute erhalten ist.



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